Tiepolo,
Domenico (1727 - 1804 Venedig)
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Tiepolo,
Domenico (1727 - 1804 Venedig)

Rötel
auf Papier ohne Titel
(Der hl. Jakobus von Compostella zu Pferde als Sieger über die Mauren);
H 34, B 23 cm;
Wasserzeichen: 2 große, filigrane, gekreuzte Schlüssel durch eine Krone.
Rötel-Zeichnung
in den Höhen etwas farbschwach mit Anzeichen eines von ihr gefertigten
Contre-epreuves. – Ecken tls. etwas knittrig und im oberen rechten Eck
fleckig, 4 kleine Wurmlöcher unten links in der Darstellung; leichter oberer
Eckbug, 2 leichte Büge längs über das Blatt. –
Gutachten:
Prof. George Knox, Vancouver, vom 01.12.1995 (liegt in Kopieform vor).
Knox
schreibt in seinem Gutachten, daß es sich bei dieser Zeichnung um eine
Nachzeichnung Domenicos nach dem kurz vor Würzburg (also vor 1750) entstandenen
Gemäldes Giambattista Tiepolos in Budapest handelt.
Diese Zeichnung diente lt.
Knox als Vorstudie für die von Domenico geschaffene Radierung (Rizzi 1970, Nr.
128), wobei die Zeichnung vom Detail her der Radierung ähnlicher als dem Gemälde
ist. 260806SC-5280
Zu
dieser Zeichnung finden sich in der Tiepolo-Literatur Parallelen:
Die beiden Rötelzeichnungen:
'Tarquinus und Lucretia' und
'Cleopatra werden
Geschenke überreicht',
sind ebenfalls Zeichnungen für / oder
nach Radierungen von Gemälden von Giambattistta Tiepolo.
Auch diese Rötel-Zeichnungen bedienen sich des weißen Papieres, die
Radierungen davon sind seitenverkehrt zu den Originalgemälden, und auch sie
unterscheiden sich in einzelnen Details sowohl von Gemälde wie von der
Radierung.
Die beiden Zeichnungen sind auf ca. 1750 datiert, die
Urheberschaft wird in der Literatur jedoch mit 'Giambattistta oder Domenico'
angegeben (Vgl. Tiepolo-Buch zur Ausstellung der Graph. Sammlung Staatsgalerie
Stuttgart 1970, von George Knox und Christel Thiem bearbeitet, hier Seiten 72 u.
73).
Aufgrund
dieser und anderer Unstimmigkeiten in der bisherigen kunstgeschichtlichen
Einordnung der Blätter ist es m. E. nicht auszuschließen, daß es sich bei
dieser Zeichnung um eine frühe Entwurfszeichnung des Giambattista Tiepolo
handelt, die bisher als verschollen galt!
Mangels
Vergleichsmöglichkeiten könnte man den präzisen Stil dieser Zeichnung im
Gegensatz zu bekannten, aber späteren Entwurfszeichnungen Giambattista Tiepolos
(häufig Fresko-Entwürfe, die sich künstlerisch freier darstellen) dennoch
akzeptieren:
Aus der Literatur ist bekannt, daß Zeichnungen, bei denen es
Giambattista auf Genauigkeit ankam, nicht immer so bestechend sind, wie man es wünschen
könnte. Außerdem waren auch die Federzeichnungen Giambattistas in den
30er-Jahren sehr präzise und hatten die Funktion von Werkzeichnungen zu den Gemälden,
nach 1740 dann wurde sein Federstil freier.
Noch
einige Anmerkungen zu dieser Zeichnung:
|
Diese Zeichnung wurde mit einigen anderen Zeichnungen vom Vorbesitzer im
Raum Freiburg im Breisgau entdeckt und erworben.
|
Hierzu
ein wichtiger Punkt, der ein neues Licht auf die Provenienz und vielleicht das
Alter der Zeichnungen werfen könnte: Als Vater und Soehne Tiepolo in Wuerzburg waren (1750 - 1753), kam dorthin auch die Frei-Frau von Sickingen, beheimatet im Ebneter Wasserschloss (Ebnet ist Vorort von Freiburg), und muss den Tiepolos dort wohl einige Zeichnungen abgekauft haben. Das waere natuerlich eine Erklaerung, wieso die Zeichnungen gerade im Raum Freiburg gefunden wurden! |
| Der anerkannte Tiepolo-Experte Prof. Knox (U.S.A.) zoegerte keinen Moment, die Tiepolo-Urheberschaft der unterschiedlichen Zeichnungen anzuerkennen (weitere Kopie eines Gutachtens vorhanden) | Auch fuer die grosse Tiepolo-Ausstellung in
Udine (1996) baten die Aussteller den Vorbesitzer um Leihgaben (Kopien des
Anschreibens vorhanden); Professor Knox reiste mit der Ausstellungs-Leiterin zu
diesem Zweck extra nach Freiburg; zu einer Übergabe kam es jedoch
bedauerlicherweise nicht. |
| Professor Knox schreibt in seinem Gutachten, daß es sich bei dieser Zeichnung um eine Nachzeichnung Domenicos nach dem Gemälde Giambattista Tiepolos handelt. Diese Zeichnung diente lt. Knox als Vorstudie für die von Domenico geschaffene Radierung. | Diese Zuordnung von Prof. Knox impliziert, daß Domenico ein Abbild des Gemäldes seines Vaters schaffen wollte, um es in Form einer Radierung vervielfältigen zu können; ein solches Vorgehen Domenicos wirft jedoch einige Fragen auf: |
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Wenn es sich wirklich um eine Zeichnung nach dem Altarbild handelt,
so muss man
sich fragen:
|
Und wenn er wirklich ein Abbild schaffen wollte: Wieso nimmt er es hin, daß die
Radierung im Vergleich zum Original-Gemälde seitenverkehrt vervielfältigt
wurde, sich somit vom Original-Gemälde fundamental unterscheidet? Wieso zeichnet er überhaupt eine Vorzeichnung fuer eine Radierung in Roetel? |
Viel
einfacher und auch logisch wäre doch:
1. Bei dieser Zeichnung handelt es sich um eine Vorzeichnung Giambattistas für
sein Gemälde.
2. Von dieser Zeichnung wurde ein Contre-Epreuve durch Abklatsch
geschaffen.
3. Domenico war im Besitz dieses Contre-Epreuves und schuf davon eine
Radierung (deshalb seitenverkehrt).
Nur so läßt sich befriedigend erklären,
daß diese Zeichnung und die davon mittelbar geschaffene Radierung sich in
wesentlichen Punkten vom Altargemälde in der Darstellung unterscheiden.
Die
Kunstgeschichtler lehnen jedoch diese These ab,
-- weil bisher noch keine Vorzeichnung aufgetaucht ist (von den beiden Rötelzeichnungen: 'Tarquinus und Lucretia' und 'Cleopatra werden Geschenke überreicht' abgesehen, die aber auch nicht eindeutig eingeordnet sind!) - obwohl man natürlich weiss, dass es welche gegeben haben muss .
--
weil die Vorzeichnung zu genau ist, im Grunde schon ein in sich abgeschlossenes
Werk - und die bekannten Vorzeichnungen Giovannis (meist fuer Fresken!) wesentlich
freier (und kuenstlerischer?) waren.
Aber: Es ist ebenso bekannt (s.o.), dass der Vater schon um 1730 sehr praezise
Federzeichnungen geschaffen hat.
Nach
dem alten Motto, "daß nicht sein kann, was nicht sein darf“, wartet
diese Zeichnung
bis zum heutigen Tag auf eine anerkannte kunstgeschichtliche
Einordnung!